Unser ehemaliger, inzwischen verstorbener Studiendirektor Wilhelm Kramb hatte sich anlässlich des 25-jährigen Jubiläums unserer Schule (1985) mit dem Lebenswerk Friedrich- Dessauers in einem Aufsatz auseinandergesetzt.

 

Er schrieb:

 

"In den folgenden Zeilen habe ich in erster Linie Friedrich Dessauer selbst zu Wort kommen lassen, damit die zu Recht gestellte Frage: »Warum Friedrich-Dessauer-Schule?« direkt aus seinem Munde, aus seinem Denken und Tun beantwortet werden kann. Die markanten Daten von der Wegstrecke seines Lebens werden die angestrebte Synthese aus Denken und Tun des Naturwissenschaftlers und Technikers, des Philosophen und Pädagogen bestätigen.

 

1881     Am 19. Juli als neuntes Kind des Kommerzienrates Philipp Dessauer

            und seiner Ehefrau Else, geb. Vossen, in Aschaffenburg geboren.

 

1898     Erste Publikation über einen neuen Unterbrecher für Röntgenanlagen.

            Am 8. November 1895 waren in Würzburg die Röntgenstrahlen

             entdeckt worden.

 

1899    Absolvierung des Humanistischen Gymnasiums in Aschaffenburg.

 

1899    Gründung des Elektrotechnischen Laboratoriums Aschaffenburg.

              Beginn der Herstellung von Röntgenapparaten.

 

1903    Beginn der Versuche zur Tiefentheraphie.

 

1914     Immatrikulation an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität bei ihrer Gründung,

              Belegung naturwissenschaftlicher, mathematischer und philosophischer Fächer.

 

1917    Promotion am 2. Juli bei Prof. Dr. Däguisne.

 

1920    Berufung zum Honorarprofessor in Frankfurt.

 

1922     Direktor des Institutes für Physikalische Grundlagen der Medizin und Ordinarius der

              J.-W.-Goethe-Universität.

 

1934   Im Frühjahr erfolgt die Amtsenthebung und Versetzung in den Ruhestand.

              Ruf an die Universität Istanbul.

 

1937   Im Juli Berufung als Ordinarius für Experimentalphysik in Freiburg/Schweiz.

 

1946  Wiederbeginn der Vorlesungstätigkeit in Frankfurt mit Gastvorlesungen.

 

1953   Emeritierung in Freiburg/Schweiz und Rücksiedlung nach Frankfurt am Main.

 

1963  Friedrich Dessauer stirbt am 16. Februar, 82-jährig.

 

 

 

Als ich 1958 Friedrich Dessauer zum letzten Mal sah und hörte, waren das hagere Gesicht, die klaren Augen, der schmale Leib gleichsam wie eine transparente Hülle eines nimmermüden, forschenden Geistes, eines nach Erkenntnis, Frieden und Erlösung suchenden Asketen.

»Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen.«

 

Hier schien es sich zu vollenden. Erlöst wurde auch Friedrich Dessauer von seinem jahrzehntelangen, schmerzvollen Leiden, das er sich durch Verbrennungen mit Röntgenstrahlen schon in jüngeren Jahren zugezogen hatte.

 

Mit Stolz, aber auch mit immerwährender Verpflichtung, trägt unsere Schule seinen Namen. Die Universalität Friedrich Dessauers war es, aus der sich die Motive zu der Namensnennung ergaben. Sein Wissen, gewonnen aus tiefgründigem Forschen, blieb nicht als selbstgenügsames Abstraktum im weltfremden Raum, sondern fand seinen Niederschlag in der Konstruktion von technisch-medizinischen Geräten, die helfen, Krankheiten der Menschen erfolgreich zu bekämpfen. Dessauer wußte, worauf es ankommt:

 »Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit.

Wer sich zum Gesetz macht, das Tun am Denken, das Denken am Tun zu prüfen, der kann nicht irren, und irrt er, so wird er bald auf den rechten Weg zurückfinden.«

 

Jede Epoche hat ihre spezifischen Daseinsformen. Das dominierende Symbol unserer Zeit ist die Technik. Technik ist aber nicht nur mechanische Funktion der Materie, sondern Manifestation menschlichen Geistes, also formgewordener Geist. Drohen nun die gewaltigen Anstrengungen der Ratio die Kräfte der Seele zu verkümmern? Wird durch das Wunderwerk der Technik, die selbst funktional in unser biologisches Sein vordringt, eine Gottesferne erzeugt? Wird gar die Schöpferkraft Gottes überflüssig? Nun, um es vorwegzunehmen: »Prometheus kann nichts ausrichten, was nicht in der Schöpfung vorbereitet ist.« - »Die Macht der Technik ist nicht Menschenmacht, sie entstammt aus dem Kosmos, sie ist Naturmacht.« Das sind die erkenntnistiefen Worte Friedrich Dessauers, des Naturwissenschaftlers, Technikers und Philosophen.

 

Daß diese Macht der Technik wirksam werden kann, liegt nicht an der Materie, mit der umgegangen wird, sondern ist in ihrer Struktur, ihrer sinngemäßen Ordnung begründet. »Die Macht der Medikamente z. B. hat in der molekularen Struktur ihren Sitz, also in einer ganz bestimmten Ordnung der stofflichen und energetischen Bauelemente zur Einheit und Ganzheit. Diese Ordnung macht, daß das Ganze mehr ist und mehr kann als die Summe der Teile. Vor dieser ganz bestimmten Ordnung weicht in unserem Falle der Tod zurück.«

 

Ein weiteres sinnvolles Beispiel über die Ursache der technischen Funktion gibt Dessauer an Hand der Uhr. »Jeder, der sich schon einmal mühte, eine Uhr zu reparieren, weiß, daß nach der Demontage die Einzelteile als Summe der Bauelemente noch lange keine Funktion bewirken. Erst das sinnvolle, systematische Ineinanderordnen vermag der Materie »Leben einzuhauchen. Die Ordnung zweckverbundener Glieder zur Einheit eines Gebildes ist der Sitz der Macht bei technischen Geräten und Verfahren.«

 

Aus dem suchenden Drang nach dem Erkennen der im Kosmos waltenden Kräfte erwachsen geistige Kräfte - erfahrungsgemäß spielt auch die Fantasie als Stimulans eine fördernde Rolle - die das in der Natur Vorhandene erforschen, erfinden lassen. »Das Sosein geht dem Sein voraus, wird gefunden, nicht geschaffen. Die Technik hat dann nur noch die Aufgabe, das Erfundene in eine dem Menschen dienende Gestalt umzuformen.« Wir sehen also, daß Technik nicht willkürlich Geschaffenes ist, sondern sie hat die Aufgabe, erforschte Naturgesetzlichkeiten in Realitäten umzusetzen. Sie ist also keine freie Schöpfung, sondern »Realsein aus Ideen im Rahmen naturgesetzlicher Möglichkeiten«. Und weiter sagt Dessauer:

 

»Prometheus kann nichts ausrichten, was nicht in der Schöpfung vorbereitet ist. Die Macht der Technik ist nicht Menschenmacht, sie entstammt aus dem Kosmos, sie ist Naturmacht. Technik ist reales Sein aus Ideen, durch finale Gestaltung und Bearbeitung, aus naturgegebenen Beständen. Daß die Macht der Technik wirksam werden kann, liegt nicht in der Materie an sich, sondern in ihrer Struktur, ihrer sinngemäßen Ordnung. Die Ordnung zweckverbundener Glieder zur Einheit eines Gebildes ist der Sitz der Macht bei technischen Geräten und Verfahren.« Dessauer sieht in dem innersten Kern unseres Seins die durch die Naturgesetze wirkende göttliche Schöpfung.

 

»Die Gottesferne ist eine Gottesblindheit. Niemals hat Gott so viel, so laut, so deutlich zu den Menschen gesprochen wie in unserer Zeit der Forscher und der Techniker: niemals bot er solche Hilfe! Aber, und das dürfen wir nicht vergessen, niemals legte er solche Verantwortung auf das Gewissen der prometheischen Menschen«.

 

Hier setzt Dessauer den wissenschaftlichen und den praktischtechnischen Möglichkeiten eine für uns alle geltende eherne Grenze: Die Verantwortung als moralisches Gesetz, als kategorischen Imperativ. Den Suchenden nach dem Sinn ihrer Arbeit gibt er einen für jeden gültigen Hinweis: »Das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist der vollkommene Dienst.« Dienst, nicht Arbeit, damit gibt er der Arbeit einen höheren, einen ethischen Wert."

 

 

 

 

 

 

                                                                                         †   Wilhelm Kramb

 

Das Kollegium und die Schülerschaft der Friedrich- Dessauer- Schule sind stolz, einen sochen Namensgeber zu haben. Das Denken und Handeln Friedrich Dessauers zum Wohle der Menschen sind uns Ansporn, ihm nachzueifern. In den formulierten "Leitlinien unserer Schule"  findet dies ebenfalls seinen Niederschlag.